Checkliste Aktienkauf: So kaufen Sie die richtige Aktie zum richtigen Zeitpunkt

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Die richtige Aktie zum richtigen Zeitpunkt kaufen – das ist gar nicht so einfach. Mit meiner Checkliste Aktienkauf möchte ich das, was wir in den letzten Lektionen bereits über Trendfolgeaktien gelernt haben, in einige konkrete Punkte übersetzen, die Sie jedes mal prüfen können, bevor Sie eine Aktie kaufen. Es gibt Kollegen von mir, die für die Trendfolge-Strategie werben mit dem Argument “Trendfolge-Aktien kann man zu jedem Zeitpunkt kaufen, schließlich ist es gerade ihr Charakter immer auf höhere Allzeithochs zu steigen.” Dennoch können Sie den Aktienkauf natürlich optimieren, wenn Sie ein paar Punkte beachten.

Hier also die Checkliste Aktienkauf, die Sie Punkt für Punkt durchgehen können:

Übergeordneter Aufwärtstrend der Aktie, die Sie kaufen möchten

Wir starten die Checkliste Aktienkauf mit dem großen Bild. Wir sind Trendfolge-Investoren und natürlich kaufen wir nur Aktien, die sich in einem übergeordneten Aufwärtstrend befinden. Sprich: Die Aktie sollte innerhalb der letzten Jahre oder Jahrzehnte so kontinuierlich wie möglich gestiegen sein und immer neue Höchststände erreicht haben. Um diesen Punkt abzuklären, brauchen Sie keine Indikatoren, gleitenden Durchschnitte oder sonstige Hilfsmittel. Werfen Sie einfach einen kurzen Blick auf den Aktienchart der letzten Jahre und Sie sehen, ob die jeweilige Aktie tendenziell kontinuierlich gestiegen ist oder nicht. Ich selbst benutze dazu die Online-Chartsoftware Prorealtime.

Welchen Zeithorizont sollten Sie hier anlegen? Wenn Sie Candlestick-Charts verwenden (was ich sehr empfehle, beachten Sie hierzu auch die Tools für erfolgreiche Trendfolge-Investoren), schauen Sie sich auf jeden Fall Wochen- oder Monatscharts an. Die täglichen Schwankungen haben für diesen übergeordneten Aufwärtstrend nicht die geringste Bedeutung. Für das ganz große Bild können Sie auch Mountaincharts auf Wochen- oder Monatsbasis verwenden. Ein Beispiel dafür sehen Sie weiter unten.

Möchten Sie auch junge Trends begleiten, die vielleicht gerade erst im Entstehen sind? Dann reicht es, wenn Sie prüfen, ob die Aktie im letzten Jahr im Aufwärtstrend war. Möchten Sie die ganz großen Megatrends begleiten, die Aktien seit Jahrzehnten auf immer neue Höchststände führen? Dann wählen Sie Monatscharts über einen Zeitraum von mindestens 20 Jahren.

Interessant können auch Zeiträume seit großen Korrekturen sein. Große Korrekturen sind immer eine Art Marktbereinigung. Manche Unternehmen, die früher erfolgreich waren, schaffen es nicht, sich veränderten Marktbedingungen anzupassen und bleiben in der Korrektur stecken. Andere Unternehmen nutzen die Korrektur als Chance, richten sich neu aus und begründen einen neuen Aufwärtstrend. Insofern können auch Betrachtungszeiträume ab Korrekturende interessant sein, z.B. von 2003 bis heute oder von 2009 bis heute. Letztgenannter Zeitraum ist der Zeitraum, den ich mir am liebsten anschaue, wenn ich übergeordnete Aufwärtstrends analysiere.

Haben Sie einen sehr langen Zeitraum eingestellt und können nicht mehr erkennen, wie sich die Aktie vor einigen Jahrzehnten verhalten hat? Dann müssen Sie die Charts auf logarithmische Darstellung umstellen. Hier haben nicht gleiche Beträge, sondern gleiche prozentuale Steigerungen den identischen Abstand in der Chartdarstellung.

Kaufen Sie keine überhitzten Aktien

Achten Sie beim Aktienkauf darauf, dass der von Ihnen gewählte Wert nicht überkauft ist, also in den letzten Wochen nicht extrem stark gestiegen ist. Keine Aktie läuft unbegrenzt immer weiter nach oben. Eine Aktie, die schon vier Wochen oder gar drei Monate immer nur gestiegen ist, ist stark korrekturanfällig und wird irgendwann in der nächsten Zeit mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine Korrektur durchmachen, die eine viel bessere Einstiegsgelegenheit bietet. Der zweite Punkt der Checkliste Aktienkauf ist deshalb, solche überkauften Situationen zu vermeiden.

Wie erkennen Sie solche Überhitzungen? Sie können entweder Indikatoren nutzen, wie z.B. den RSI, den Sie in jeder guten Chartsoftware Ihren Charts hinzufügen können. Wenn dieser in den Grundeinstellungen (in der Regel 14 Tage) im Bereich über 75 ist oder gerade in diesem Bereich war und ihn nach unten verlässt, ist es meistens kein allzu guter Einstiegszeitpunkt. Blenden Sie auch die 200-Tage-Linie ein (Gleitender Durchschnitt über 200 Tage) und beobachten Sie, wie weit der Aktienkurs in der Vergangenheit über dieser Linie lief und wo er heute im Vergleich dazu steht. Wenn eine Aktie z.B. im langjährigen Schnitt meist ca. 5-10% über dieser Linie schwankt und aktuell 25% darüber steht, dann ist es ebenfalls kein guter Einstiegszeitpunkt.

Sie können es aber auch mit bloßem Auge sehen: Wenn Sie eine ganze Aneinanderreihung von grünen (weißen) Kerzen im Canclestick-Chart sehen, die unaufhörlich nach oben steigen ohne eine kleine Atempause zu machen, dann warten Sie ebenfalls noch ab. Im Wochenchart wird es aus meiner Sicht ab fünf bis sechs Kerzen kritisch. Viel länger schafft es auch ein Trendfolger meistens nicht, ohne Zwischenkorrektur nach oben zu laufen. Ich will damit nicht sagen, dass nach einer solchen Phase ein Trendfolger unbedingt heftig korrigieren muss. Er wird es aber in den nächsten Wochen in der Regel etwas ruhiger angehen und verschnaufen. Besonders wenn Sie mit Optionsscheinen investieren möchten, die einem Zeitwertverlust unterliegen, ist es sinnvoller, solche Phasen abzuwarten.

Als Beispiel dazu der Chart von Starbucks:

Checkliste Aktienkauf Starbucks
Chart von ProRealTime. Nicht autorisierte Nutzung oder Missbrauch ist ausdrücklich verboten.

Sie sehen hier sehr schön, wie es immer nach einigen Wochen starker Aufwärtsbewegung zu einer Verschnaufpause kommt, in der der Kurs entweder fällt oder zumindest einige Wochen seitwärts läuft. Wenn Sie in einen Trendfolger einsteigen möchten, dann haben Sie die Geduld und warten Sie ab, bis Überhitzungen im Chart abgebaut sind.

Beziehen Sie in Ihre Überlegungen aber auch immer mit ein, wie lange die letzte Korrektur der Aktie gedauert hat. Es ist ein Unterschied, ob Sie eine Aktie kaufen wollen, die sich ein ganzes Jahr in einer Korrektur befunden hat oder eine Aktie, die vor dem letzten Schub vielleicht nur zwei Wochen korrigiert hat. Im ersten Fall sind vier bis sechs gute Wochen bei einer starken Aktie noch nicht besonders viel, im zweiten Fall schon.

Kaufen Sie die Aktie beim ersten nachhaltigen Zeichen von Stärke

Kaufen Sie dann, nach einer solchen Korrektur, die Aktie beim ersten nachhaltigen Zeichen von Stärke. Wenn der Trendfolger die Abwärts- oder Seitwärtsbewegung nach oben verlässt, dann greifen Sie zu. Die Chancen stehen dann gut, dass Sie genau am Beginn des nächsten großen Schubs nach oben kaufen. Dann macht Aktienkauf besonders Spaß, weil Sie schnelle Gewinne sehen werden. Solche Zeichen von Stärke können z.B. der Ausbruch über eine Abwärtstrendlinie sein, die sich in der Korrektur gebildet hat, der Ausbruch aus einer Trendfortsetzungsformation wie Flagge oder Wimpel oder auch einfach eine tadellose große grüne Tageskerze, die einen wichtigen Widerstand überwindet. Sie können sich auch mit Candlestick-Formationen befassen. Hier gibt es zahlreiche Muster, die das Ende einer Korrektur anzeigen können wie Bullish Engulfing, Morning Star, Three White Soldiers und viele mehr. Falls Sie sich dazu einlesen möchten – das Standardwerk hierzu ist “Technische Analyse mit Candlesticks: Alle wichtigen Formationen und ihr Praxiseinsatz” von Steve Nison.

Mit dem ersten Zeichen von Stärke meine ich übrigens nicht einen einzigen guten Tag, sondern einen nachhaltigen Hinweis, dass die Korrektur ihr Ende gefunden hat.

Lassen Sie sich durch ein Hilfssystem unterstützen

Es ist manchmal gar nicht leicht, den Überblick zu behalten. Je nachdem wie groß Ihre Watchlist ist, müssen Sie hunderte von Aktien täglich oder wöchentlich auf diese Kriterien prüfen. Gönnen Sie sich ein Hilfssystem, das für Sie eine Vorauswahl trifft und es Ihnen leichter macht, den Überblick zu behalten. Für mich ist ein solches Hilfssystem mein Trend-Identifikations-System Letri, das mir immer dann ein Kaufsignal produziert, wenn eine Trendfolgeaktie eine größere Korrektur erfolgreich hinter sich gelassen hat. Solche automatisierten Systeme können den Einstiegszeitpunkt nicht perfekt bestimmen, aber sie können eine gute Vorauswahl treffen: Immer wenn Letri ein Kaufsignal produziert, beobachte ich die Aktie im folgenden Monat besonders genau, ob sie auch alle anderen Punkte meiner Checkliste Aktienkauf erfüllt.

Nun müssen Sie nicht extra ein Handelssystem als Hilfe programmieren. Sie können auch relativ einfache Hilfsmittel verwenden: Beobachten Sie z.B. Aktien besonders gut, die ihre 200-Tage-Linie nach oben durchkreuzen. Oder verwenden Sie den Supertrend-Indikator, der hierfür auch brauchbare Ergebnisse liefert. Sparen Sie sich dann die intensivere Analyse aller Aktien, die unterhalb der 200-Tage-Linie oder unterhalb des Supertrend-Indikators verweilen. Sobald eine Aktie Dynamik nach oben entwickelt, wird sie garantiert die genannten Indikatoren nach oben durchkreuzen. Sie können also einen Aufwärtstrend gar nicht verpassen, wenn Sie solche Hilfsmittel verwenden. Natürlich ist das Durchkreuzen solcher Indikatoren nicht immer der perfekte Einstiegszeitpunkt. Nehmen Sie ein solches Hilfssystem jedoch als Vorauswahl und suchen Sie dann, sobald dieses erste Kriterium erfüllt ist, nach einem passenden Einstiegszeitpunkt.

Machen Sie einen kurzen Fundamental-Check der Aktie

Der letzte Punkt der Checkliste Aktienkauf ist eine kurze Fundamentalanalyse. Viele Investoren machen diese Analyse zuerst. Für mich macht dies jedoch keinen Sinn. Denn wenn eine Aktie vom Chartbild nicht interessant aussieht, dann kann sie fundamental noch so gut dastehen – ich würde sie trotzdem nicht kaufen. Bei mir ist ein kurzer Fundamental-Check deshalb der letzte Punkt meiner Checkliste.

Wenn Sie Trendfolgeaktien kaufen, müssen Sie fundamental gar nicht so viel beachten. Schließlich steigt eine Aktie nur dann über einen längeren Zeitraum, wenn ihr Geschäftsmodell stimmt, wenn sie ihre Umsätze und Gewinne immer weiter steigern kann und wenn sie nicht hoffnungslos überschuldet ist. Auch sind die klassischen Zahlen wie KGV (der aktuelle Aktienkurs im Vergleich zum Gewinn je Aktie) bei Trendfolgern schwierig anzuwenden. Normalerweise versuchen Investoren ja Aktien zu kaufen, bei denen der Kurs im Vergleich zum Gewinn besonders niedrig steht, um die Aktie möglichst “billig” zu bekommen. Aktien, die über Jahre oder Jahrzehnte immer weiter steigen, sind aber eben selten besonders billig zu bekommen, sondern allenfalls fair bewertet. Ich selbst schaue mir solche Kennzahlen zwar an, würde ihnen aber nur Beachtung schenken, wenn sie extrem in eine Richtung ausschlagen. Dazu können Sie beispielsweise den Aktienvergleich von finanztreff.de nutzen: Geben Sie die Aktie, die Sie kaufen möchten in den Vergleich ein und stellen sie ihr eine andere Aktie aus der gleichen Branche gegenüber. Bei Nike nehmen Sie als Vergleich z.B. Adidas, bei Mastercard wäre Visa ein guter Vergleichswert. So bekommen Sie ein gutes Gespür für die wichtigsten Kennzahlen der Aktie im Vergleich zu ihren Mitbewerbern.

Zwei Dinge beachte ich außerdem noch:

Die Aktie sollte nicht zu sehr von schwankungsfreudigen äußeren Faktoren wie Rohstoffpreisen abhängig sein. Beispielsweise sind Goldminen-Aktien oder Aktien von erdölfördernden Unternehmen Jahre lang fantastisch gelaufen – aber eben nur so lange Goldpreis bzw. Ölpreis ebenfalls gestiegen sind. Seitdem gibt es nur noch eine Richtung: nach unten.

Zweitens sollte der Umsatz und Gewinn der Aktie in den letzten Jahren möglichst konstant gestiegen sein. Dies können Sie mit einem Blick prüfen, indem Sie aus dem Aktienvergleich, den Sie soeben gemacht haben, auf die Aktie klicken und dort “Kennzahlen fundamental” wählen. Dort sehen Sie die Entwicklung in Zahlen und auch in schönen bunten Balken, die möglichst konstant steigen sollten. Wenn einmal ein Ausreißer nach oben oder unten dabei ist, ist das nicht weiter tragisch. Recherchieren Sie dann einfach in den Unternehmensnachrichten, warum dies der Fall war und überlegen Sie, ob es auf das künftige Geschäft des Unternehmens Auswirkungen hat.

Ein Beispiel: Bechtle

Bechtle haben wir am 21.3.2016 in das Millionen-Depot meines Börsenbriefs aufgenommen. Anhand der Checkliste Aktienkauf möchte ich Ihnen zeigen, wie bei diesem Trendfolger alle fünf Punkte einwandfrei erfüllt waren.

checkÜbergeordneter Aufwärtstrend

Bechtle befindet sich spätestens seit 2009 in einem übergeordneten Aufwärtstrend, wie ein kurzer Blick auf den Chart zweifellos belegt. In dieser Zeit stieg die Aktie von etwa 10€ in der Spitze auf um die 90€. Sie würden dies auch im Candlestick-Chart sehen, zur Veranschaulichung, wie ein logarithmischer Mountain-Chart aussieht, wählen wir aber diese Variante:

Checkliste Aktienkauf Bechtle
Chart von ProRealTime. Nicht autorisierte Nutzung oder Missbrauch ist ausdrücklich verboten.

 

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Nicht überkauft

Mittelfristig ist Bechtle dennoch keineswegs überkauft. Vom Hoch bei ca. 90€ machte Bechtle eine gesunde, etwa 20%-ige Korrektur auf ca. 72€ mit. Diese dauerte von November 2015 bis März 2016 und baute die Überhitzungen des letzten Schubs ab. Sie führte von der Oberseite des Trendkanals an die Unterseite.

Checkliste Aktienkauf Bechtle mittelfristig
Chart von ProRealTime. Nicht autorisierte Nutzung oder Missbrauch ist ausdrücklich verboten.

 

check Nachhaltiges Zeichen von Stärke

Die Verteidigung des Trendkanals auf Wochenschlusskursbasis zusammen mit der inversen Schulter Kopf Schulter Formation (S K S im Chart) ist ein eindeutiges und nachhaltiges Zeichen von Stärke

 

checkHilfssystem

Mein Trendfolge-Identifikations-System Letri hat zwar kein frisches Signal generiert, es steht aber seit 2012 bei Bechtle ununterbrochen auf grün. Die Aktie kann also gekauft werden.

 

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Fundamentale Prüfung

Das letzte Jahr, in dem der Gewinn nicht gesteigert werden konnte, war 2012. Als Grund wurden damals die Eurokrise angeführt, die Einstellung neuer Mitarbeiter und akquisitionsbedingte Abschreibungen. In Österreich und der Schweiz gingen zwei große Aufträge verloren. Diese Faktoren spielen heute keine Rolle mehr. Seitdem wächst Umsatz und Gewinn konstant. Im Vergleich zu Mitbewerbern wie Cancom ist das KGV günstig.

Fünf mal grün: Die Bechtle-Aktie war somit im März 2016 ein klarer Kauf.

 

Fazit Checkliste Aktienkauf:

Auch bei Trendfolgeaktien sollten Sie nicht einfach blind zugreifen und irgendwelche Trendfolger zu irgendeinem Zeitpunkt kaufen. Prüfen Sie anhand dieser “Checkliste Aktienkauf” fünf Punkte, bevor Sie in eine Trendfolge-Aktie investieren:

  1. Ist die Trendfolge-Aktie in einem übergeordneten Aufwärtstrend
  2. Ist die Trendfolge-Aktie aktuell nicht überkauft, also nicht zu stark gestiegen?
  3. Zeigt die Trendfolge-Aktie nach einer Korrektur wieder Stärke?
  4. Zeigt ein Hilfssystem, z.B. in Form von Indikatoren, grünes Licht?
  5. Ist die Aktie fundamental in Ordnung?